Buch - Märchen für mutige Menschen - Anja Zimmer
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Art.Nr. FZ978-3937013053

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Buch - Märchen für mutige Menschen - Anja Zimmer

Märchen für mutige Menschen...

... und solche, die es werden wollen.

Diese Märchen erzählen von Menschen, die ihrem Schicksal trotzen und sich auflehnen gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand und machen sich auf, die Wahrheit hinter den Dingen zu entdecken.

Das kann Welten bewegen - kleine und große.

Leseprobe

Christel Gottwals:  Die große Frau Jo

In einem abgelegenen Tal stand zwischen Bachlauf und Waldrand eine alte Mühle. Der Mühlenbetrieb war viele Jahre schon eingestellt. Heruntergekommen und verlassen wirkte alles von weitem. Seit Jahren hatte sich keine Menschenseele mehr in diese einsame Gegend verlaufen. Deshalb konnte auch niemand wissen, dass irgendwann in einer hellen Mondnacht jemand eingezogen war in die alte Mühle.

Es war die Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag, als im hellen Licht des vollen Mondes eine große schlanke Gestalt auf einem hohen Pferd am Bachlauf entlang in das abgelegene Tal gekommen war. Gemächlichen Schrittes war das Pferd am Bachlauf immer tiefer hinein in das abgelegene Tal getrabt, so weit, bis es ganz hinten am Waldrand an der alten Mühle stehen geblieben war.

Es war die große Frau Jo, die ins Tal gekommen war in dieser Nacht. Das Nötigste, was sie zum Leben brauchte, war in Satteltaschen und Säcken verpackt, Vorräte, kleinere Werkzeuge und Decken. Kerzen, Zündhölzer. Drei Bücher, eine Taschenlampe und ein paar weitere persönliche Dinge waren noch in ihrem Rucksack verwahrt. Das alles hatte sie abgeladen im blassen Schein des Mondes. Für diese Nacht hatte sie das Pferd hinter der Mühle auf einer kleinen Wiese angebunden. Durch die quietschende schwere alte Holztüre hatte die große Frau Jo die Mühle betreten. Bücken musste sie sich dabei, obwohl die Türe recht groß war. Dann hatte sie sich auf einer alten Pritsche ein Nachtlager gemacht. Und obwohl die Pritsche hart war und zu kurz für die große Frau Jo, war sie unter ihren Decken mit angezogenen Knien bald eingeschlafen.
Mehr als fünf Stunden war sie durch den Abend und die Nacht geritten. Deshalb schlief sie lange und tief bis fast in den nächsten Mittag hinein.

Als sie aufstand und sich in dem staubigen Mühlenraum umsah, schien die Frühlingssonne durch die Fensterscheiben. Sie trat hinaus, ging um die Mühle herum zu ihrem Pferd und streichelte ihm lange die Mähne und den Kopf. „Lass uns hier bleiben“, sagte sie ihm ins Ohr. „Hier ist ein guter Platz für uns. - Zuerst werde ich Dir hier ein großes Stück Wiese einzäunen und einen Unterstand bauen.“

Das tat sie wirklich, die große Frau Jo. Von Jugend an war sie sehr geschickt in handwerklichen Dingen. Der Großvater hatte ihr das beigebracht in Kindertagen.
In einem Winkel im Keller war eine alte Werkstatt eingerichtet. Verschiedene alte Sägen und Äxte konnte sie finden und allerlei andere nützliche Dinge.
Auch einen alten Holzschuppen gab es und auf dem Dachboden, nahe am Mahlstock, lagen Säcke und Schnüre in großer Zahl.

Von diesem Tag an hatte Frau Jo begonnen, für sich und ihr Pferd ein Zuhause zurechtzumachen, so gut es eben ging. So war nach einigen Tagen ein großes Wiesenstück eingezäunt. Nach wiederum einigen Tagen war auch ein kleiner Unterstand für das Pferd gebaut. Schließlich könnte ja ein Unwetter kommen oder eine große Hitze.
Für sich selbst machte sie die Stube zurecht, die einmal die Gesindestube gewesen sein musste. Die war gleich neben der Küche. Zum Schlafen stieg sie in die kleine Kammer hinauf, die neben dem Mahlstock lag. Bald baute sie sich ein großes Bett, damit sie nicht weiter mit angezogenen Knien schlafen musste.

So viel Staub und Mehl musste sie fegen, viele Ritzen dicht machen, bis sie in der Küche zum ersten Mal kochen konnte. Das dauerte mehr als eine Woche. Aber mit der Zeit nahm das Leben in der Mühle langsam seinen Gang. Neben dem Mahlstock standen Säcke mit Getreide. Das Korn war alt, aber noch trocken und konnte gemahlen werden.
Eines Morgens ging die große Frau Jo zum Mühlenteich direkt am Waldrand hinauf und wollte sehen, ob sie die Schleuse öffnen konnte. Das war schwer, weil alles alt und verrostet war. Sie musste ihr Pferd holen, ihm einen Strick umbinden und das andere Ende am eisernen Rad fest machen. Das Pferd war stark und zog kräftig. Da quietschte das Rad laut und drehte sich langsam auf. Das Wasser schoss durch den Graben und gleich darauf begann das große Mühlrad sich zu drehen. Einen ganzen Sack Mehl konnte sie mahlen an diesem Tag. Das war eine Freude.

Sie machte zum ersten Mal Feuer in dem alten Küchenherd und buk in einer großen Eisenpfanne das erste Fladenbrot.
Das Leben in der Mühle machte viel Arbeit. In den großen Wald hinter der Mühle ging Frau Jo sehr oft, denn es musste Holz gesammelt werden für den Ofen, möglichst viel, damit im Winter genügend Vorrat da war. Pilze, Beeren und Kräuter fand sie dort auch.

Nach einigen Wochen war alles recht ordentlich hergerichtet, - einfach zwar, aber ihr genügte es. Nun legte Frau Jo eine Pause ein. Mit ihrem Pferd machte sie einen großen Ausritt bis tief in den Wald hinein. Als sie am Abend wieder aus dem Wald heraus kamen, leuchteten schon einige Sterne am Himmel. Die alte Mühle lag ruhig da. Auf einmal bemerkte sie, dass sie selbst auch ruhig geworden war, dass Frieden in ihr Herz gezogen war.

Das war gut so. Denn vorher hatte sie viel Not gehabt, - so viel, dass sie weg wollte, weit weg von den Menschen. Zu viele hatten ihr das Herz schwer gemacht und ihre Gedanken oft zornig oder traurig.
Als sie ein ganz kleines Kind gewesen war, ja, da war alles noch gut gewesen. Die Eltern hatten eine Pferdezucht. Große wunderschöne Pferde verkauften sie an Fürsten und Könige überall hin. Stolz waren die Eltern auf ihre kleine Johanna. Denn so hieß sie eigentlich, die große Frau Jo.

Als sie fünf Jahre alt wurde, sagten sie: „Wir wollen Johanna in die Schule schicken. Sie ist schon so groß.“
Der Lehrer in der Schule ließ sie allerlei Arbeiten übernehmen. Auch musste sie sich um die jüngeren Kinder kümmern.
„…Weil Du so groß bist…“, hatte er gesagt, dabei war Johanna doch auch gerade erst in die Schule gekommen.
Kam Johanna nach Hause, sagten die Eltern: „Ach, Deine Schularbeiten, die kannst Du schon alleine machen, Du bist ja schon groß. Und nachher passt Du auf die kleine Schwester auf.“

Johanna gefiel es bald gar nicht mehr, groß zu sein. Spielen wollte sie, Bücher lesen, mit dem Nachbarjungen ein Baumhaus bauen. Die Tiere des Bauern besuchen wollte sie und über Wiesen und Felder laufen. Manchmal am Abend auf dem Schoß der Mutter sitzen, das wollte sie, - aber sie hörte: „Du bist doch schon groß; lass die kleine Schwester doch hier sitzen.“
Johanna wuchs tatsächlich sehr schnell und wurde ein außergewöhnlich großes Mädchen. Und sie bemerkte nur all zu oft, dass das nicht schön war. Eigentlich war sie ja noch ein Kind, aber ihr Körper wuchs einfach schneller, als bei anderen Kindern. Viele Erwachsenen taten deshalb, als wäre sie schon groß. Oft wünschte sie sich, kleiner zu sein oder wenigstens nicht mehr zu wachsen. Aber sie wuchs immer weiter. Bald sagte der Vater:
„Wenn sie zu groß wird, findet sie später keinen Mann. Was machen wir nur?“
Bald lag Johanna ganz gekrümmt in ihrem Bett. Der Vater möge ihr ein größeres Bett machen lassen, bat sie. Aber der sagte: „Nein, vielleicht hört das Wachsen auf, wenn Deine Beine unten am Bett anstoßen.“ Johanna weinte nun oft, bevor sie einschlief. Denn das Wachsen hörte nicht auf und es tat weh, so gekrümmt im Bett zu liegen.
„Wenn ich nicht einmal mehr in meinem Bett richtig ausgestreckt liegen darf, mache ich mir eben ein Bett bei den Pferden im Stall“, dachte sie.

So nahm sie ihr Bettzeug und machte sich im Pferdestall auf Stroh ein Nachtlager, direkt neben ihrem eigenen Pferd, das der Großvater ihr geschenkt hatte, als sie zwölf Jahre alt geworden war. Alles Bitten der Mutter half nicht. Von diesem Tag an schlief Johanna im Pferdestall.

„Wenn Pferde groß sind, finden das alle gut“, dachte sie eines Morgens, als sie aufwachte und von ihrem Strohlager hinauf sah zu ihrem Pferd, das direkt neben ihr stand. Der Stallknechte lachte sie aus, wenn er am Morgen in den Stall kam und die Pferde versorgte.
„Aus dir wird nie eine feine Dame“, sagte er dann. „Dein Vater sähe es gerne, Du würdest einen Fürsten oder König heiraten. Aber daraus kann nichts werden. Eine junge Frau, die im Stall schläft und jetzt schon zwei Köpfe größer ist als ihr Vater, das kann nicht angehen.“
Die alte Nachbarin war früher immer freundlich zu Johanna gewesen. An ihrem zwanzigsten Geburtstag aber sagte sie in jämmerlichem Ton:
„Ach Mädchen, was soll aus dir werden? Nach Pferdestall riechst du, Hosen trägst du, die auch noch zu kurz sind und die alten Hemden von deinem Großvater, die zu weit sind. Manche Vogelscheuche ist schöner als du.“
Bald nannte sie keiner mehr „Johanna“. Alle nannten sie nur noch: „die große Frau Jo“.
Mit Pferden war sie lieber zusammen als mit Menschen. So verstand sie bald mehr von ihnen als jeder gute Pferdezüchter. Manche sagten sogar, sie könne die Sprache der Pferde verstehen.
Eines Tages beschloss Johanna, wegzugehen, weit weg, irgendwohin, wo Ruhe und Frieden war und es niemanden störte, dass sie eine so große Frau war. In der Abenddämmerung hatte sie das Nötigste zusammengepackt, ihr Pferd gesattelt und den Hof der Eltern verlassen ohne ein Wort. Sehr spät in der Nacht war sie in das abgelegene Tal gelangt, in dem die alte verlassene Mühle stand.

„Ja, so war das, sagte sie halblaut zu ihrem Pferd“, als sie nach dem langen Ausritt an diesem Abend wieder zurück zur Mühle kam. Die alten Erinnerungen hatten sie etwas traurig gemacht, aber ihr Herz war doch froh und zufrieden. Das merkte sie genau, als sie das Pferd in seinen Unterstand brachte. Sie streichelte ihm noch eine Weile die Mähne und den Kopf.
„Hier geht es uns gut, hier bleiben wir“, sagte sie ihm ins Ohr. Dann ging sie in die Mühle und legte sich schlafen in ihrer Kammer neben dem Mahlstock.
So verging die Zeit. Und alles wäre immer so weiter gegangen, wenn nicht eines Abends eine fremde Frau auf einem schönen stolzen Pferd aus dem Wald gekommen wäre.
Johanna kam gerade aus dem Holzschuppen, als sie sie gewahr wurde. Sie merkte gleich, dass das Pferd und seine Reiterin müde und kraftlos waren. Ohne viel Worte ging sie auf sie zu, nahm die Zügel des Pferdes und führte es auf die kleine Weide und zu dem Wassertrog. Nachdem die Frau vom Pferd gestiegen war, bemerkte Johanna erst, dass sie eben so groß war, wie sie selbst.

Als sie wenig später in ihrer Küche saß, von ihrem Brot aß und Wasser trank, schaute Johanna sie genauer an. Ihre Reiterkleidung war vom feinsten Stoff. Die Schnallen der Stiefel waren aus Gold wie die Knöpfe ihrer Reiterjacke. Oben am Kragen glänzte eine kleine goldene Krone. Johanna fragte ohne Umschweife, wer sie denn sei und woher sie käme. Die große schöne Frau erzählte, sie sei die Königin eines Landes, das weit hinter dem großen Wald lag. Sieben Tage und sieben Nächte sei sie mit ihrem Pferd unterwegs gewesen. Sie habe einmal sehen wollen, was hinter dem großen Wald sei, erzählte sie weiter. So habe sie etwas Vorrat eingepackt und sei los geritten. Als sie immer tiefer in den Wald gekommen war, hatte sie sich bald verirrt und wusste nicht mehr, wie sie jemals wieder heraus finden sollte. Nachts hatte sie nur wenig geschlafen. Es war ja kalt und feucht und sie hatte weder Decken noch etwas, womit sie sich hätte ein Feuer machen können. Müde und erschöpft sah sie aus, die große Frau, die eine Königin war. Bevor Johanna ihr aber ein Lager in der Küche zurecht machte, fragte sie noch:
„Ist es nicht schlimm, wenn man eine große Frau ist in deinem Land?“
Da lachte die große Königin, dass es durch die ganze alte Mühle schallte.
„Bei uns gilt es als besonders schön, wenn eine Frau recht groß ist.“, sagte sie und nickte kräftig mit ihrem Kopf. Dann erzählte sie weiter, dass beinahe alle Frauen in ihrem Land so groß seien. Auch wunderschöne Pferde gäbe es dort und einen großen Pferdehof nahe am Schloss. Johanna machte große Augen. Aber von sich erzählte sie nicht viel.
„Ich bin die große Frau Jo und lebe hier mit meinem Pferd“, sagte sie nur. Dann machte sie der Königin ein Nachtlager zurecht, nahe am Ofen, damit sie es warm hätte nach den anstrengenden Tagen und Nächten im Wald. Weil die große Königin so müde war, fragte sie nicht weiter, legte sich hin und schlief auf der Stelle ein.
Am anderen Morgen stand Johanna früh auf und versorgte die Pferde. Als sie in die Küche kam, war die Königin gerade aufgewacht. Johanna sprach kein Wort, kochte Tee und machte das Frühstück zurecht. Als die Königin sich satt gegessen hatte, blickte sie Johanna lange an.

„Du bist eine kluge, geschickte Frau. Auch kannst du gut mit Pferden umgehen. Das habe ich gleich bemerkt. Willst du nicht mit mir kommen in mein Land hinter dem großen Wald? Ich könnte eine tüchtige Frau gebrauchen, die sich um meine Pferde kümmert am Hof.“
Johanna überlegte. Das Leben in der alten Mühle war oft genug hart. Aber frei sein und von niemandem gedemütigt werden, das war alle Härte wert.
„Ich kann es ja versuchen“, sagte sie dann.

Die Königin nickte nur. Dann sattelten sie wortlos zusammen die Pferde. Johanna packte ein, was sie für die lange Reise brauchten. Dann verschloss sie sorgsam die Mühle und ritt mit der großen Frau, die eine Königin war, in den Wald hinein.
In den ersten Tagen sprachen sie nicht viel. Die Königin merkte bald, dass es gut war, mit der großen Frau Jo unterwegs zu sein. Jetzt hatten sie genug zu essen dabei und Decken, um in der Nacht nicht zu frieren, wenn sie unter einem Baum ihr Lager machten. Ein Feuer hatte sie nun auch in der Nacht. Und in Gesellschaft verging die Zeit viel schneller. Am dritten Tag erzählte Johanna, wie es ihr ergangen war unter den Menschen und warum sie in das verlassene Tal und in die alte Mühle gezogen war. Die Königin hörte gut zu. Am Morgen des siebenten Tages hörte sie dann, dass die große Frau Jo eigentlich Johanna hieß. Da lachte die Königin wieder laut und von Herzen und sagte: „Johanna, heute Abend schon kannst du in das schöne Haus neben dem Pferdehof ziehen. Da hast du es warm und freundlich, hast genug zum Leben und musst dich nicht mehr so plagen wie in der alten Mühle. Dort kannst du sein, wie du bist und wie du willst. Auch deinem Pferd soll es gut gehen. Alle Pferde am Hof werden sich freuen, wenn du da bist, denn Pferde mögen nur Menschen, die sich zeigen, wie sie sind. Und besonders mögen sie große starke Frauen, die reden und schweigen können.“

Johanna hörte diese Worte und merkte, wie ihr Herz froh und leicht wurde. Als sie am Abend endlich aus dem großen Wald heraus geritten kamen, konnte Johanna nur staunen. Die große Frau neben ihr, die eine Königin war, hatte nicht zu viel gesagt. Tatsächlich waren in ihrem Land alle Frauen so groß wie Johanna, ja manche waren sogar noch etwas größer. Viele schöne große Pferde gab es am Hof. Johanna verstand sich wie keine andere darauf, sie aufzuziehen, zu pflegen, ja sogar zu heilen, wenn einmal eines von ihnen krank oder verletzt war.

So lebte sie mit ihrem Pferd glücklich im Land der großen Königin. Die Königin selbst aber wurde ihre beste Freundin.
Niemand nannte sie mehr die große Frau Jo. Alle nannten sie Johanna, die Frau, die mit den Pferden sprechen kann.

Taschenbuch, 11 x 17 cm, 96 Seiten

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