Buch - Märchen für mutige Mädchen - Anja Zimmer
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Buch - Märchen für mutige Mädchen - Anja Zimmer

Märchen für mutige Mädchen...

...und solche, die es werden wollen.

Dieses Buch habe ich meinen beiden Nichten gewidmet. Sie sind jetzt sieben und zehn Jahre alt und ich hoffe sehr, dass sie zu mutigen, starken Frauen werden. Vielleicht tragen meine Märchen ein wenig dazu bei. Das Buch ist für Kinder ab Schulalter und Erwachsene gedacht. Selbstverständlich können auch Jungs und Männer diese Märchen lesen. Schließlich braucht man als Mann auch manchmal Mut.

Über das Buch

Diese Märchen sind anders. Denn sie erzählen von abenteuerlustigen Prinzessinnen, Mädchen, die in die Welt hinausziehen, um ihr Glück zu suchen. Sie sitzen nicht brav zu Hause am Spinnrad und warten auf den Helden, sondern ziehen selbst los, um Prinzen zu befreien und sich ihren Platz in der Welt zu erobern.

Ein Märchenbuch, das Mädchen Mut machen will, neue Wege zu gehen.

Leseprobe

Der Name der Fee


Es waren einmal ein König und eine Königin, die lebten in einem kristallenen Palast. Sie hatten große Gärten, in denen es nach Blüten duftete, Diener brachten auf ihren Befehl was immer sie verlangten, und doch waren die beiden sehr, sehr unglücklich. Denn sie waren und blieben nur zu zweit. Die gelehrtesten Männer und Frauen wurden befragt, doch niemand konnte ihnen sagen, warum ihre Ehe ohne Kindersegen blieb.

Eines Tages erschien der Königin im Traum ihres Mittagsschlafes ein alter Mann mit einem langen weißen Bart, der ihr prophezeite, sie würde noch vor Ablauf des Jahres eine Tochter zur Welt bringen. Wie sich die Königin da freute, kann niemand sagen. Aber dann sagte der alte Mann der Königin, dass die Tochter, wenn sie heranwüchse, ihre Eltern verließe und auf immer verloren sei. Die Königin rang die Hände und fragte den alten Mann, wie sie denn diesen Fluch von ihrer Tochter abwenden könne, denn sie konnte sich gar nicht vorstellen, ihre Tochter einmal herzugeben. Der alte Mann lächelte und reichte der Königin eine Haarnadel, an deren Ende eine große, schimmernde Perle saß.

„Sobald ihr Haar lang genug ist, steckt es ihr fest auf und ziert es mit dieser Nadel. Dann wird sie Euren Garten niemals verlassen. Hütet Euch aber vor der schwarzen Fee, deren Namen kein rechtschaffener Mensch je ausspricht. Sie wird eines Tages Eure Tochter verderben, wenn Ihr nicht aufpasst. Also seht zu, dass sie niemals in die Näher der Prinzessin kommt. Wenn die Prinzessin den Namen der Fee erfährt, wird sie sterben.“

Als die Königin erwachte, wunderte sie sich über den sonderbaren Traum. Er erschien ihr so lebendig, dass sie ganz sicher war, wirklich mit dem alten Mann gesprochen zu haben. Und als sie in ihrer Hand eine kunstvoll gefertigte Haarnadel fand, an deren Ende eine große Perle saß, da wusste sie, dass alles Wirklichkeit werden würde und rüstete ein Gemach, in dem ihre Prinzessin wohnen sollte.

Und als sich das Jahr seinem Ende zuneigte, gebar sie eine kleine Tochter. Der König und die Königin waren überglücklich. Die Prinzessin wuchs heran, lernte laufen, spielte im Palast und in den Gärten und war glücklich, obwohl die Königin ihr täglich das Haar streng aufsteckte und mit der Haarnadel zierte, die sie von dem alten Mann bekommen hatte.

Als die Prinzessin sieben Jahre alt war, entdeckte sie ein großes Tor in der Gartenmauer, durch dessen Spalten sie einen noch viel größeren und schöneren Garten sehen konnte. Sie versuchte, das Tor zu öffnen, doch da hörte sie plötzlich eine feine Stimme, die ihr zurief: „Das kannst du nicht! Das kannst du nicht!“

Da zeigte sich die Wirkung der Haarnadel, denn in der Perle saß ein kleiner Kobold, der immerzu seinen Namen rief. Und sein Name war: Das kannst du nicht.

Die Prinzessin zog sich erschrocken von dem Tor zurück und vermied es fortan, denn sie wollte diese höhnische Stimme nicht mehr hören.

Ihre Eltern liebten sie sehr und hatten wohl auch gemerkt, dass die Tochter an dem Tor gestanden und die Nadel sie zurückgehalten hatte. Sie hielten Feste ab für ihre Tochter, ließen Musiker und Gaukler kommen, um sie zu unterhalten und doch schien es ihnen, als fehle ihrem Kind etwas.

Es vergingen sieben Jahre, bis die Prinzessin wieder an dem Tor stand. Sie blickte durch die Spalten. Und der Garten, der sich nun vor ihr auftat, erschien ihr noch weitaus schöner als beim letzten Mal. Sehnsuchtsvoll legte sie ihre Hände an das kalte Holz, lehnte ihre Stirn an das Tor, um noch besser sehen zu können. Doch dann fasste sie entschlossen die Klinke an und rüttelte kräftig daran. Das machte einen großen Lärm und fast hätte sie die feine Stimme überhört, die ihr wieder zurief: „Das kannst du nicht! Das kannst du nicht!“

Sie probierte es noch einmal, aber als die Stimme immer lauter und höhnischer rief, stahl sich die Prinzessin traurig davon.

Der König hatte sehr wohl bemerkt, dass seine Tochter wieder an dem Tor gestanden hatte. Er ließ Maurer kommen, die das Tor zumauerten. „Wenn die Prinzessin die Landschaft draußen nicht mehr sieht, wird sie vergessen, dass es sie gibt und sie wird für immer hier bleiben.“

Doch er hatte die mächtige Feindin des alten Mannes nicht bedacht. Die schwarze Fee wachte über die junge Prinzessin. Doch erst nach drei mal sieben Jahren würde sie in das Leben der Prinzessin treten können.

Der König und die Königin gaben große Feste und Maskenbälle für ihre Tochter, sie setzten ihr die erlesensten Früchte aus ihrem Garten vor, doch die Prinzessin war und blieb traurig. Immer öfter, wenn sie durch den Garten streifte, schlich sie an dem nun zugemauerten Tor vorbei, immer länger blieb sie dort, suchte einen Spalt in der Mauer, doch die Maurer hatten gut gearbeitet.

Es war der Vorabend ihres einundzwanzigsten Geburtstages. Die Nacht war mild und voller Düfte, die der Wind über die hohe Gartenmauer bis zu ihr trug. Aus dem Garten vor ihrem Fenster drang nur das Rauschen der Blätter zu ihr empor. Sie wollte eben ihr Haar lösen und kämmen. Schon hatte sie die Nadel mit der Perle aus ihrem Haar gezogen, da schaute sie in den Garten. Hatte sie dort nicht einen Schatten gesehen, wie von einem Kleid? Sie steckte die Haarnadel wieder auf, warf sich ihren Mantel über, schlüpfte in ihre Schuhe und schlich sich hinaus in den nächtlichen Garten. Wie schön es hier war, wenn nicht der Lärm der Gärtner die Luft erfüllte. Und da war es wieder, das Rascheln und Rauschen, das Schimmern, das sie eben von ihrem Fenster aus gesehen hatte. Und schon war es wieder verschwunden. War dort hinter dem Holunder nicht eine große, hoheitsvolle Gestalt verschwunden? Die Prinzessin ging ihr nach, doch hinter dem Holunderbusch war niemand. Sie blickte sich um und sah nun deutlich eine Frau auf der Gartenmauer. Sie war in ein langes schwarzes Gewand gehüllt, das über die Mauer herabfiel . Ihre Haut war so schwarz wie der Sommernachtshimmel über ihr und ihre Augen leuchteten heller als die Sterne. Ihre ganze Gestalt strahlte Liebe und Güte aus. Die Prinzessin streckte die Arme nach ihr aus, lief auf sie zu, war schon an der Mauer und fand sich wie durch Zauberei oben auf der Mauer wieder. Wie hoch sie war! Ihr schwindelte. Konnte sie es wirklich wagen? Da wisperte eine feine Stimme in ihrem Ohr „Das kannst du nicht!“ Traurig sah die Prinzessin zurück in den Garten. Nein, sie konnte wirklich nicht, und doch... Gerade als die Stimme weiterwisperte, rief plötzlich eine andere, viel schönere, mächtigere, kraftvollere Stimme: „Komm! Komm, Prinzessin!“

Da sprang die Prinzessin. Sie wusste nicht, ob sie den tiefen Sprung überleben würde, sie hatte die Augen geschlossen und wartete auf den Schmerz, wenn sie hart auf dem weit, weit unter ihr liegenden Boden auftreffen würde. Aber er blieb aus. Sie fühlte sich getragen wie von sanften aber starken Händen, die sie sicher auf der Erde absetzten. Da stand sie nun im hellen Mondschein unter dem Glanz der Sterne. Die schwarze Fee war verschwunden, doch lockte das rauschende Gewand der Fee die junge Prinzessin immer weiter fort von der Gartenmauer und fort vom Palast ihrer Eltern. Sie lief und lief die ganze Nacht. Immer wenn sie glaubte, die Fee eingeholt zu haben, sie hinter einem Felsen oder einem Strauch vermutete, war sie doch wieder allein in der Nacht, nur das ferne Rascheln des Feenkleides trieb sie weiter.

Schließlich sank aber die Prinzessin erschöpft unter einem Strauch nieder.

Was sollte sie tun, was sollte die Prinzessin beginnen? Wovon sollte sie leben? Die feine Stimme meldete sich wieder, als die Prinzessin darüber nachdachte, wie sie sich ihren Unterhalt verdienen könnte. Sie hatte nichts weiter gelernt, als eine Prinzessin zu sein. Prinzessinnen wurden in der Welt nicht gebraucht. Aber die Fee? Wenn sie sie so weit gebracht hatte, dann würde sie schon für sie sorgen. Sie würde sie nicht verlassen. Als die Prinzessin eingeschlafen war, hielt die schwarze Fee inne, wandte sich der Prinzessin zu und ließ sich schließlich an ihrer Seite nieder. Sie schaute auf das schlafende Mädchen, schaute auf den weiten Weg, den sie in dieser Nacht schon gelaufen war und strich mit ihrer Hand, die so schwarz war wie der Sommernachtshimmel über die weiße Stirne. Sachte, ganz sachte hauchte sie das Mädchen an. Da zeigte sich ein Lächeln auf dem sonst so traurigen Gesicht der schönen Prinzessin.

„Erkenne meinen Namen!“ flüsterte sie ihr zu. „Erkenne meinen Namen! Meinen Namen!“

Dann erhob sie sich wieder und verschwand, denn schon zeigte sich ein silberner Streif am Horizont.

Als die Sonne hoch am Himmel stand, erwachte endlich die Prinzessin. Ihre Glieder schmerzten, denn sie war es nicht gewohnt, ohne weiche Kissen und Decken zu schlafen. Doch sie streckte sich, gähnte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und sah sich erstaunt um. Sie hatte also nicht nur geträumt. Sie war tatsächlich aus dem Palast und dem schönen Garten entkommen und war schon so weit gelaufen, dass sie den Palast gar nicht mehr sehen konnte. Und die Fee hatte ihr gesagt, sie solle ihren Namen erkennen. Ihren Namen erkennen. Was mochte sie damit wohl gemeint haben? Die Prinzessin erhob sich und ging einfach weiter in die Richtung, von der sie glaubte, dass sie sie weiter weg führte vom Palast. Der Gedanke an ihre Eltern schmerzte sie, aber sie wusste, dass sie diesen Weg nun gehen musste. Sie ging den ganzen Tag über. Die Sonne brannte auf sie hernieder. Die Landschaft, die von ihrem sicheren Garten aus so lieblich ausgesehen hatte, war in Wirklichkeit rau. Aber obwohl die Prinzessin Durst und Hunger hatte, hatte sie noch immer Augen für die raue Schönheit dieser Landschaft. Die Weite des Landes weitete ihr das Herz und ließ sie freier atmen. Und sie vertraute darauf, dass die schöne Fee sie sicher nicht verdursten lassen würde. So wanderte die Prinzessin den ganzen Tag, bis sie am Nachmittag an eine kleine Hütte kam. Ein Mädchen saß davor und pellte emsig Erbsen in eine Schale.

„Guten Tag, Mädchen!“ sagte die Prinzessin.

„Guten Tag!“ sagte das Mädchen

„Kannst du mir bitte etwas zu Trinken und zu Essen geben?“

„Sicher. Komm mit mir. Drinnen ist alles was du brauchst.“

Das Mädchen führte die Prinzessin in ihre Hütte, hieß sie an dem groben Holztisch Platz nehmen und setzte ihr einen Krug Wasser und Haferbrei vor.

„Es ist nicht viel, was ich dir anbieten kann, aber ich teile es gerne mit dir.“

„Ich danke dir. Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Es schmeckt köstlich.“ Und als die Prinzessin den Haferbrei gegessen und das Wasser getrunken hatte, sagte sie: „Darf ich dir eine Frage stellen?“

„Sicher, nur zu.“

„Weißt du, wie die Fee heißt?“

„Welche Fee? Ich kenne keine.“

Da wurden die Augen der Prinzessin wieder traurig.

„Weißt du, ich muss unbedingt ihren Namen erfahren. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. In der letzten Nacht ging sie vor mir her, aber ich konnte sie nie erreichen. Ich würde so gerne mit ihr sprechen.“

„Ich fürchte, ich kann dir wirklich nicht weiterhelfen. Aber meine Mutter wohnt einen Tagesmarsch von hier entfernt. Morgen Abend wirst du bei ihr sein. Vielleicht kann sie dir helfen.“

Die Prinzessin bedankte sich und legte sich auf der Küchenbank schlafen. Auch wenn sie in dieser Nacht wieder weiche Kissen und Decken entbehren musste, schlief sie doch tief und fest. So fest, dass sie nicht bemerkte, wie die schwarze Fee in die Stube trat, sich zu ihr auf die Bank setzte, ihr wieder einen Kuss auf die Stirn hauchte und flüsterte: „Erkenne meinen Namen! Erkenne meinen Namen! Meinen Namen!“

Am anderen Morgen erwachte die Prinzessin. Sie war glücklich und voller Hoffnung, bald an ihr Ziel zu kommen. Heute Abend würde sie die Mutter dieses Mädchens sprechen. Vielleicht konnte sie ihr weiterhelfen.

Das Mädchen wollte ihr Wasser und Brei mit auf den Weg geben, aber die Prinzessin wollte ihr das wenige was sie hatte, nicht wegnehmen. Sie bedankte sich von ganzem Herzen und lief los in die Richtung, die das Mädchen ihr anzeigte. Auch wenn sie die Fee nicht mehr sah, nicht einmal mehr den Zipfel ihres Gewandes, so fühlte sie sich doch von ihr geführt und geleitet.

Wieder wollte der Kobold in der Perle wispern und ihr allen Mut rauben, aber die Fee ließ einen mächtigen Wind kommen, der der Prinzessin in den Ohren sauste und die feine Stimme überhörte. Denn sonst hätte sie den Weg durch das wilde raue Land niemals geschafft. Die Pflanzen hier waren nicht so lieblich wie in dem Garten ihrer Eltern. Es gab viele Dornen, an denen sie sich stach, Nesseln an denen sie sich brannte und Ranken, die an ihrem Kleid rissen. Doch dufteten ihre Blüten viel süßer.

Gegen Nachmittag hoffte sie schon auf die Hütte der Mutter, aber immer wieder musste sie über einen weiteren Hügel und noch einen Hügel steigen, bis sie schließlich gegen Abend eine Hütte sah. Rauch stieg aus dem Schornstein auf. Die Frau saß vor ihrer Hütte und kernte Kirschen.

„Guten Abend, Frau!“

„Guten Abend.“

„Kannst du mir bitte etwas zu Trinken und zu Essen geben?“

„Sicher, komm mit. Drinnen ist alles, was du brauchst.“

Die Frau hieß die Prinzessin am groben Holztisch Platz nehmen und trug ihr Milch und Hirsebrei auf. Auch die Schüssel mit den Kirschen stellte sie dazu. Nachdem sich die Prinzessin satt gegessen und bedankt hatte, begann sie: „Deine Tochter schickt mich. Sie sagt, du wüsstest vielleicht etwas über die Fee. Ich muss unbedingt ihren Namen erfahren. Weißt du, wo ich sie finden kann. Ich würde so gerne mit ihr sprechen.“

„Ich selbst kenne die Fee nicht. Aber meine Mutter erzählte mir früher oft von einer Fee. Sie ist wunderschön. Ihre Haut ist so schwarz wie...“

„...wie der Sommernachtshimmel?“

„Ja, und ihre Augen leuchten wie die Sterne.“

„Das ist sie, das muss sie sein. Ich danke dir, Frau.“

Überglücklich schlief die Prinzessin an diesem Abend ein. Wieder schlief sie auf der Küchenbank so fest, dass sie nicht bemerkte, wie auch in dieser Nacht die Fee in die Stube trat, sich zu ihr auf die Küchenbank setzte und ihr einen Kuss auf die Stirn hauchte und flüsterte: „Erkenne meinen Namen! Erkenne meinen Namen! Meinen Namen!“

Am anderen Morgen verabschiedete sich die Prinzessin von der Frau und zog los in die Richtung, die sie ihr angezeigt hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben begann sie zu singen. Leise nur, aber da hörte sie die Stimme des Kobolds: „Das kannst du nicht! Das kannst Du nicht!“ Da schwieg die Prinzessin wieder. Ihre Fröhlichkeit war mit einemmal wie fortgeblasen. Würde sie jemals das Ziel erreichen? Die Mutter der Frau – musste sie nicht furchtbar alt sein? Wahrscheinlich würde sie gar nicht verstehen, was sie von ihr wollte. Wenn sie jetzt umkehrte könnte sie in weniger als drei Tagen bei ihren Eltern sein. Wäre das nicht viel besser?

Noch bevor sie sich umwenden konnte, um über ihre Schulter zu blicken, sah sie wieder die hohe Gestalt der schönen Fee auf dem Hügel. Sie hatte ihre Arme ausgebreitet als wolle sie sie endlich umfangen und an ihr Herz drücken. Und ihre erhobenen Arme ließen wieder einen Wind aufkommen, der der Prinzessin in den Ohren sauste, so dass sie die Stimme des Kobolds nicht hören konnte.

Da begann die Prinzessin wieder Mut zu fassen. Sie schritt wieder tapfer aus, hob ihren Blick zum Horizont, spannte ihre Schultern und fing an zu singen. Sie sang so laut, dass sie die Stimme des Kobolds längst übertönte und sogar den Wind.

So ging sie weiter bis zum Nachmittag. Sie hielt Ausschau nach einer Hütte, aber auch nicht hinter dem entferntesten Hügel wollte sich eine Rauchsäule zeigen. Sie ging weiter bis zum Abend. Aber noch immer war keine Hütte in Sicht. Sie ging weiter bis es dunkel wurde. Kein erleuchtetes Fenster wies ihr den Weg. Aber sie schritt tapfer weiter und sang was sie ihr nur einfiel.

Schließlich – es ging sicher schon auf Mitternacht – sah sie in einem geschützten Tal eine kleine Hütte. Das musste sie sein, denn davor saß eine alte Frau auf einer Bank, hatte die Beine auf einen kleinen Schemel gelegt und sah hinauf in den Sternenhimmel.

„Gute Nacht, Großmutter!“

„Gute Nacht!“

„Kannst du mir bitte etwas zu Trinken und zu Essen geben?“

„Sicher, komm mit, drinnen ist alles was du brauchst.“

Die Alte führte die Prinzessin in ihre Hütte, hieß sie an dem groben Holztisch Platz nehmen und trug ihr Wein und Brot auf.

Nachdem sich die Prinzessin gestärkt und bedankt hatte, begann sie: „Ich suche die Fee. Kannst du mir sagen, wo ich sie finden kann? Ich muss unbedingt ihren Namen erfahren. Ich war schon bei deiner Tochter und bei der Tochter deiner Tochter, aber keine konnte mir genau sagen, wo ich die Fee finden kann. Kannst du mir vielleicht helfen?“

Die Alte lächelte ein wenig, schaute kurz aus dem Fenster, sah die Prinzessin dann gerade an und erwiderte: „Sicher weiß ich, wo die schwarze Fee zu finden ist. Es ist aber gefährlich und dauert sehr lange, bis du bei ihr bist. Bist du bereit, Gefahr und Mühen, Entbehrungen und vielleicht sogar Kampf auf dich zu nehmen?“

In diesem Moment schlug die Wanduhr die zwölfte Stunde. So laut, dass die Prinzessin den Kobold nicht hörte.

„Ich bin bereit!“ sagte die Prinzessin.

In dieser Nacht schlief die Prinzessin wieder auf der Küchenbank so tief und fest, dass sie nicht bemerkte, wie die Fee die Stube betrat, sich zu ihr auf die Bank setzte, ihr einen Kuss auf die Stirn hauchte und dabei flüsterte: „Du wirst meinen Namen erkennen. Du gutes, tapferes Mädchen. Ich werde dich begleiten und beschützen. Fürchte dich nicht!“

Und als ob die Prinzessin die Worte genau gehört und verstanden hätte, erwachte sie am nächsten Morgen und war so zuversichtlich und voller Hoffnung, dass sie sang.

Die Alte summte ein leises Liedchen mit, während sie für sich und die Prinzessin das Frühstück bereitete. Als sich die beiden gestärkt hatten, führte die Alte die Prinzessin vor die Tür, gab ihr einen Wanderstab und einen Rucksack mit, aus dem sie immer genau das hervorholen würde, was sie gerade am nötigsten brauchte.

„Du wirst durch sieben Wälder gehen, durch sieben Wüsten. Du wirst über sieben Meere segeln und durch sieben Himmel fliegen. Wenn dir das alles gelungen ist...“ Hier wurde die Alte von der Stimme des Kobolds übertönt, der laut schrie: „Das kannst du nicht, das kannst du nicht!“

„Und der Kobold schweigt jetzt!“ brüllte die Alte mit einer Donnerstimme, die der Prinzessin die Haare aus dem Gesicht blies. Die Prinzessin hörte ein beleidigtes Grummeln, dann fuhr die Alte fort: „... wenn dir das alles gelungen ist, dann wirst du die schwarze Fee sehen und mit ihr sprechen. Spätestens dann wirst du ihren Namen erkennen. Nun geh! Fürchte dich nicht. Gehe aufrecht und blicke gerade aus. Dann wirst du dein Ziel nicht verfehlen.“ .....

Taschenbuch, 11 x 17 cm, 96 Seiten